Montag, 26. November 2007

Ein Gottesdienst der etwas anderen Art

Heute habe ich echt einen der verrücktesten Gottesdienste erlebt. Angefangen hat die ganze Geschichte so:

Ich habe drei Studentinnen in einer Gebrauchtbücherei kennengelernt und nachdem wir ein paar Themen durchgekaut hatten, ich weiß langsam schon sehr gut wie ich in kurzmöglichster Zeit das meiste von meiner bisherigen und zukünftigen Reise den Gesprächspartner vermitteln kann, kamen wir aus irgendeinen Grund zum Thema Religion. Sie gehörten der Pfingstkirche an und schlugen mir prompt vor mich am Sonntag mit zu ihren Gottesdienst zu nehmen. Das freute mich sehr, da sie extra für mich den einstündigen Weg in und dann wieder aus der Stadt auf sich nahmen. Ohne Auto ist man halt irgendwie sehr aufgeschmissen, wenn es darum geht spontan eine längere Strecke auf sich zunehmen. So fieberte ich mit freudiger Erwartung eine Erfahrung reicher zu sein dem Sonntag entgegen. So holten Sie mich in der Innenstadt ab und wir fuhren dann eine knappe Stunde in einen Vorort außerhalb von Sydney. Vorweggenommen, ich wusste den Namen der Kirche, welcher Hillsong lautet. Wir kamen in diesem Vorort an, als mir auffiel, dass schon in der Grünfläche des ersten Kreisverkehrs genau dieser gerade erwähnte Name der Kirche stand. Das gab mir schon eine Vorahnung von dem was danach geschehen sollte. Wir näherten uns dann immer näher ein paar neben einander stehenden Gebäuden. Das ist ja noch nicht ungewöhnliches. Die Größe und die Form dieser Gebäude waren es aber. Es stellte sich heraus, dass dies das ganze Gebiet der Hillsong-Kirche war. Das eine Gebäude hatte die Form einer Mischung aus Stadium und Mehrzweckhalle und hatte ein großes Kreuz auf dem Dach. Als nächstes stach mir ins Auge, dass das ganze Gebiet um die Hallen gefüllt mit Jugendlichen war. Die waren wohl kaum des Gottesdienstes wegen hier, dachte ich mir. Aber weit gefehlt. Ich fragte dann natürlich direkt ob die alle in die Halle kommen und wie viele es werden. Die Antwort kam prompt. Es kommen knapp 3000 Jugendliche zu den Gottesdiensten, jedes Wochenende. Und wie sie kamen. Die Mädels herausgeputzt, die Jungs lässig. Es fiel mir von Anfang die gewaltige Vielfalt an verschiedenen Typen auf. Ich kam mir nicht vor als stände ich vor einer Kirche. Ich sah von hochgestylten Models, über HipHoper, Metaler, Rocker bis hin zu den schrägsten Stylern, alles. Leute, die ich nie im Leben mit der Kirche in Verbindung gebracht hätte. Und davon tausende. Nachdem wir vom Einweiser auf unseren Parkplatz geführt wurden, wurden wir schon sehnsüchtigst von ein paar Freunden erwartet. Nach heftigen Umarmungen teilten sie uns mit, dass sie, Gott sei Dank, schon Plätze in der Kirche für uns reserviert hatten. So betraten wir also dieses Gotteshaus, welches ihr euch ungefähr vorstellen müsst wie die Mischung zwischen Heinrich-Lades-Halle und Kellerbühne. Die ins Erlanger Nachleben nicht eingeweihten stellen sich einfach eine Riesen Messehalle vor mit großer Bühne vorne und drei Bildschirmen von dem jeder sicher 15 mal 8 Meter groß. Die Halle füllte sich allmählich, als auf den überdimensionalen Bildschirmen plötzlich ein Countdown der Beginn des „service“ herunterzählte. Die ganze Halle fing dann das Klatschen an. Aber keiner setzte sich auf die gemütlichen Kinosessel. Das ganze Spektakel begann mit einem heftig verzerrten Gitarrenakkord begleitet von einem fetten Drumkit. Nun kamen die fünf Sänger auf die Bühne. All jene sahen aus wie Popstars und fingen an zu singen. Die ganze Halle war wie in Extasse und alle sangen laut mit, hoben ihre Hände und schlossen die Augen. Das war richtig Gänsehautstimmung. Immer wieder zwischendurch sagte der Leadsänger ein paar Verse und lobte Gott und betete. Die Leute vorne fingen das tanzen an. Aber sonst kennt man das ja nur aus irgendwelchen spirituellen Sekten. Aber diese Jugendlichen waren ganz normale Leute. Ich habe Surfer gesehen genauso wie Studenten und Musiker. Der musikalische Einstieg vollzog sich über etwa 20 Minuten, immer wieder unterbrochen durch heftigen Applaus und Gebete. Und dann kam der Pastor auf die Bühne, leger gekleidet im Billabong T-Shirt und Jeans, vielleicht knapp 30 Jahre alt. Und dann wurde gepredigt. Mit Leib und Seele. Immer die Bibel unter Arm, um die passenden Verse nachschlagen zu können. So lief er die Bühne auf und ab und verkündete die frohe Botschaft mit einer solch prägnanten Rhetorik. Ich war sehr beeindruckt. Auch inhaltlich war die erste Predigt sehr passend weihnachtliuch zum Thema Schenken und beschenkt werden. Ein weiterer großer Unterschied bei diesen Predigten liegt auf der anderen Seite des „Gesprächs“. Die Zuhörer nämlich verkünden immer lautstark mit „Ja“-Rufen ihre Zustimmung zu den gesagten Worten. Auch holen die Jugendlichen alle ihre Notizbücher heraus und notieren sich einzelne Gedanken. Andere stehen nur mit geschlossenen Augen da und saugen alle Wörter ins sich auf. Die Predigt war gespickt mit gehaltvollen Witzen, sodass die Stimmung in der Halle sehr locker war. Alle lachten, waren fröhlich und gebannt von der Predigt.

Die Rhetorikmethode und Predigt ändern damit, dass alle ihre Gebete lautstark heraussagen sollen. In Deutschland würde das wahrscheinlich erstmal ewig dauern, bis sich der erste traut. Das war hier anders. Alle Jugendlichen riefen ihre Gebete heraus, versunken in ihrer Gedanken, schwankten sie von einer Seite zur anderen. Man muss sich das mal vorstellen. Als diese Jugendlichen, 3000 an der Zahl, beten für ihre Probleme, und keiner schaut blöd. Alle machen mit. Die zweite Predigt kam dann in Liveübertragung auf den Bildschirmen von der Partnerkirche in der Mitte Sydneys. Achso, hätte ich fast vergessen. Bevor die zweite Predigt anfing, gab es erstmal Werbung für die nächsten Veranstaltungen auf der großen Leinwand.

Die zweite Predigt war nicht weniger beeindruckend und endete mit der Frage wer sich in der Halle krank fühlte. Eine hoben die Hände und wurden dann von allen anderen mit einer Hand berührt und dann wurde für diese Menschen gebetet.

Danach wurden dann noch diejenigen nach vorne gebracht, die sich verlobt hatten. Es wurde wieder einmal gemeinsam für sie gebetet .So wurde hieraus auch noch mal ein gefühlsmäßiger Höhepunkt dieses Abends. Geendet hat der Gottesdienst wieder mit einem beeindruckend komponierten Lied zwischen Pop und Rock.

Ich dachte ja zufuhr auch eher schlecht über diese Art von Gottesdiensten. Aber wenn man mal live mit dabei war ändert man sehr schnell seine Meinung. Diese ganze Kraft die dahintersteht ist hier sehr präsent, ich wage es sogar zu sagen, sie ist glaubwürdiger, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe mich nachher mit vielen der Leute unterhalten und es war beeindruckend welche Kraft diese Leute aus ihrem Glauben ziehen können. Jeder sagte mir er fühle Gott 100 Prozent in sich. Ich habe noch nie so viel Glauben bei Jugendlichen gesehen und was noch viel wichtiger ist gespürt als bei diesen beeindruckenden jungen Leuten. Ich weiß nicht ob ich den Geist Jesu Christi in diese Halle gespürt habe, aber es war zumindest ein unglaubliches Gefühl von Freude, Sympathie und Lebenslust die dich wie Honig umschmiert und dich von einer besseren Welt träumen lässt.

Ich hatte dann natürlich nachher noch sehr kritische Diskussionen mit den Jugendlichen. Da ist dieser Art von Glauben ja eher skeptisch gegenüber stehe, habe ich sehr viele Fragen gestellt. Das tolle war, dass diese Leute sehr gute Zuhörer sind und deine Meinung, welche du auch immer hast, vollkommen akzeptieren. Nachher sind wir dann noch alle zum Essen gegangen.

Ich hoffe ich konnte euch die Stimmung ein wenig näher bringen, wobei ich sehr sicher bin, dass man einfach so was mal miterleben muss, da dass komplette Gefühl nicht schriftlich vermittelt werden kann. Und ich bin mir auch sicher, dass dieser Artikel bei ein paar von euch rüber kam, dass ich jetzt völlig durchgeschnappt bin und einer Sekte verfallen bin. Aber macht euch keine Sorgen, ich schalte meinen Kopf nicht vollkommen aus und ich habe nur die Stimmung sehr genossen bei dieser Veranstaltung. Ich stehe dieser Glaubensausübung weiterhin kritisch gegenüber, aber vielleicht einen Tick weniger als vorher

Ich zumindest bin sehr glücklich und wünsche euch noch einen schönen Tag!

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hey Flo !!
Super Berichte, sehr spannend und interessant, freu mich schon auf den Nächsten!
Wart nur, wenn Du wieder da bist, gehn wir noch zusammen auf die Joournalismusschule ! :-)
Bis dahin noch viel Spaß in der Welt,
ich bin von zu Hause dabei !

Gruß aus der Heimat,
Fabi

Anonym hat gesagt…

da macht an die kirche gehen doch fast spaß oder?;)
Patrick